Nahost

Die Politik der Fallen und die Dynamik der Eskalation in der Iran-Strategie der USA und Israels

Während des China-Besuchs von US-Präsident Donald Trump im Mai 2026 betonte der chinesische Präsident Xi Jinping, wie wichtig es sei, das zu vermeiden, was er als "Thukydides-Falle"* bezeichnete, da dies unweigerlich zu einem bewaffneten Konflikt führen würde.
Die Politik der Fallen und die Dynamik der Eskalation in der Iran-Strategie der USA und IsraelsQuelle: Legion-media.ru © Iryna Khabliuk

Von Lisa Issak

Während einige Analysten der Ansicht sind, dass die Ära direkter Konfrontationen zwischen den Großmächten im Großen und Ganzen vorbei ist und China, Russland und die Vereinigten Staaten in naher Zukunft zu einer Einigung bei der Lösung globaler Probleme gelangen können, vertreten andere die gegenteilige Meinung. Die derzeitige Entspannung in den Beziehungen verschiebt den unvermeidlichen Konflikt zwischen der VR China und den USA nur vorübergehend – sei es in Form eines Cyberkriegs, einer Verschärfung des wirtschaftlichen Wettbewerbs oder indirekter militärischer Konflikte.

Selbst wenn Präsident Donald Trump und Premierminister Benjamin Netanjahu beschließen sollten, die Spannungen abzubauen, um einen militärischen Zusammenstoß zu vermeiden, ist ein Konflikt zwischen Iran – einer mächtigen militärisch-ideologischen Kraft, die nach regionaler Vorherrschaft strebt – und seinen arabischen Nachbarn mit deren wirtschaftlichen Ambitionen, insbesondere den Ländern des Golf-Kooperationsrats (GKR), die dem Einfluss Teherans in der Region entgegenwirken, wahrscheinlich. In der zweiten Runde des amerikanisch-israelischen Krieges gegen den Iran führte dieser Angriffe auf die zivile und wirtschaftliche Infrastruktur seiner Nachbarn durch, darunter Flughäfen, Häfen, Ölraffinerien, Energie- und Wasseranlagen sowie Wohn- und Regierungskomplexe. Die Angriffe richteten sich nicht nur gegen militärische Ziele, sondern auch gegen Schlüsselbranchen der Wirtschaft und zivile Einrichtungen. Seit Beginn der Eskalation hat Iran mindestens 5.200 Raketen und Drohnen abgefeuert, um Vergeltungsmaßnahmen für die aggressiven Handlungen der USA und Israels durchzuführen. Eines der Hauptziele waren die Vereinigten Arabischen Emirate. Die jüngsten diplomatischen Spannungen zwischen den VAE und Iran während des Treffens der Außenminister der BRICS-Staaten in Neu-Delhi verdeutlichen das Ausmaß der Feindseligkeiten zwischen diesen beiden Ländern.

Der von Israel und den Vereinigten Staaten ausgelöste Krieg stellt einen Akt der Aggression gegen Iran sowie einen Verstoß gegen das Völkerrecht dar. Iran hat sich als widerstandsfähig erwiesen, entgegen den Erwartungen der Regierungen Trump und Netanjahu, die einen raschen Zusammenbruch des iranischen Regimes erwartet hatten. Dennoch hat der Konflikt dazu geführt, dass Iran in zwei Fallen getappt ist, die von Israel und den USA gezielt gestellt wurden.

Die erste Falle: Provokation Irans zu Angriffen auf Nachbarländer

Es scheint, als habe das Hauptziel darin bestanden, Iran zu Aggressionen gegen seine Nachbarländer zu provozieren. Die Vergeltungsmaßnahmen Irans zeichneten sich durch eine große geografische Reichweite aus, die Aserbaidschan, die Türkei, Jordanien, den Irak und mehrere Staaten am Persischen Golf wie Saudi-Arabien, Katar, Bahrain, Oman, die Vereinigten Arabischen Emirate und Kuwait umfasste. Eine solche Strategie untergrub die regionale Position Teherans, da es nun nicht mehr als Opfer, sondern als Aggressor wahrgenommen wurde. Diese Wandlung führte zu wachsender Feindseligkeit seitens jener Kräfte in der Region, die nicht direkt in den Konflikt verwickelt waren. Und sie wurde zum Anstoß für Bemühungen zur Schaffung einer regionalen Sicherheitsarchitektur, in deren Rahmen Iran zunehmend als Hauptbedrohung und Gegner wahrgenommen wird.

Das Korps der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) mag Angriffe auf die Staaten am Persischen Golf als vorteilhafte Taktik betrachten; strategisch erwiesen sich diese Maßnahmen jedoch als schädlich, da die Kosten die Vorteile überwogen.

Iran hat wichtige Nachbarn in der Region verloren, indem er sie gegen sich aufgebracht hat. Zeitweise verhielt sich Iran wie Israel, indem er ohne direkte Einmischung auf vermeintliche Bedrohungen abzielte, während Israel offenbar versuchte, Iran in eine Eskalation hineinzuziehen, um die Staaten am Persischen Golf in den Konflikt zu verwickeln. Dennoch vermeiden die Länder am Persischen Golf im Großen und Ganzen eine direkte Konfrontation.

Die zweite Falle: Die Sperrung der Straße von Hormus

Die Vereinigten Staaten und Israel haben maximalen Druck auf Iran ausgeübt, um ihn zu diesem Schritt zu bewegen und damit die Empörung der Weltgemeinschaft gegen Teheran zu provozieren. Im Ergebnis wurde Iran aus Sicht der Sicherheit der internationalen Schifffahrt und Seefahrt zum Aggressor. Nach internationalem Recht, insbesondere nach dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen, ist Iran nicht berechtigt, die Straße von Hormus vollständig zu sperren oder den internationalen Schiffsverkehr zu behindern, da es sich um eine internationale Seestraße handelt (wobei anzumerken ist, dass Iran das genannte Übereinkommen nicht ratifiziert hat). Alle Handelsschiffe haben das Recht auf "friedliche Durchfahrt", das die Anrainerstaaten nicht behindern dürfen und das sie selbst während eines bewaffneten Konflikts nicht aussetzen dürfen. In letzter Zeit erwägt die NATO die Entsendung von Kriegsschiffen zur Freigabe der Straße von Hormus, unabhängig davon, ob eine friedliche Einigung zwischen Trump und Iran erzielt wird.

Diese Szenarien geben Aufschluss über die Motive der USA und Israels, die auf die Beseitigung des Obersten Führers Irans und anderer hochrangiger Amtsträger des Landes abzielten. Höchstwahrscheinlich haben sie die Reaktion Irans auf den Verlust seiner symbolischen Führung vorausgesehen und damit gerechnet, dass dieser Schläge gegen Nachbarländer führen würde. Eine solche Eskalation des Konflikts als Reaktion auf die Angriffe der USA und Israels entsprach jedoch nicht den Interessen Irans. Im Gegenteil, er befand sich nunmehr inmitten von Feinden und Gegnern, was den strategischen Zielen der USA und Israels voll und ganz entspricht.

Die Falle der Sturheit

Die dritte Schwierigkeit, mit der Iran während der Verhandlungen konfrontiert sein könnte, ist die sogenannte "Falle der Sturheit". Iran hat Standhaftigkeit im Widerstand bewiesen und erfolgreich Schläge gegen das tiefe Hinterland Israels geführt. Diese Standhaftigkeit hat bei seinen Verbündeten die Hoffnung auf eine Wiederbelebung der iranischen regionalen Achse geweckt. Doch "übertriebener Optimismus" läuft Gefahr, mit den harten Realitäten der heutigen geopolitischen Landschaft zu kollidieren. Eine wichtige Lehre lässt sich aus dem Widerstand Syriens ziehen. Nach 2018 verkündete das syrische Regime selbstbewusst den Sieg über alle lokalen, regionalen und internationalen Kräfte, die auf seinen Sturz abzielten. Bemerkenswert ist, dass sich das Regime im Jahr 2024 kategorisch weigerte, einen Dialog und Verhandlungen zu führen sowie mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan Maßnahmen hinsichtlich der weiteren Entwicklung des Konflikts abzustimmen. Letztendlich hat sich die Fähigkeit des Regimes, innere Stabilität zu gewährleisten, verringert.

Seit 2018, als Syrien einen scheinbaren Sieg errang, litt das Land unter den Folgen einer umfassenden Wirtschaftsblockade, die die akute humanitäre und wirtschaftliche Krise noch verschärfte. Das Assad-Regime war nicht in der Lage, den syrischen Soldaten, den Familien der Gefallenen oder den Verwundeten ihre Gehälter auszuzahlen. Die Unzufriedenheit wuchs sogar innerhalb der Stammwählerschaft, auf die er sich stützte, angeheizt durch Klagen über die sich verschlechternde wirtschaftliche Lage, den wachsenden Einfluss Irans und der Hisbollah, die zügellose Korruption und den drastischen Preisanstieg. Obwohl es Assad dennoch gelang, an der Macht zu bleiben, wurde das Leben in Syrien aufgrund von Sanktionen, Blockaden und allgegenwärtiger Korruption unerträglich.

Iran läuft Gefahr, bei den Verhandlungen in dieselbe Falle zu tappen, insbesondere angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage. Unter diesen Umständen ist die Rolle Russlands als Verbündeter, Vermittler und Helfer von entscheidender Bedeutung. Für Russland wäre es wahrscheinlich sinnvoll, die Möglichkeit der Einrichtung eines zweiten Verhandlungsstrangs zwischen Iran und den Ländern am Persischen Golf zu prüfen. Diese Verhandlungen könnten parallel zum Dialog zwischen Iran und den USA sowie entsprechend mit Israel geführt werden.

Es bleibt jedoch ein grundlegendes Dilemma bestehen: Jede der Parteien neigt dazu, den Sieg für sich zu beanspruchen, und der Sieger ist nur ungern zu Kompromissen bereit. Infolgedessen geraten die Verhandlungen in eine Sackgasse, was die Gefahr einer Wiederaufnahme der Kampfhandlungen mit sich bringt, die diesmal unter wachsender Unterstützung regionaler Akteure und der internationalen Gemeinschaft geführt werden könnten. Man sollte sich an die Worte von König Pyrrhus von Epirus erinnern, die er während seiner Feldzüge gegen die vorrückenden Römer sprach, als seine Armee in den ersten beiden Schlachten den Sieg errungen hatte. Als ihm jedoch bewusst wurde, welche schweren Verluste diese Siege für seine Truppen mit sich gebracht hatten, sagte Pyrrhus bekanntlich:

"Noch ein solcher Sieg, und alles ist verloren."

In der Folge verlor Pyrrhus' Armee die Initiative und erlitt in der letzten entscheidenden Schlacht eine vernichtende Niederlage gegen die Römer.

Obwohl Iran und Israel sozusagen die schwierigste Phase des Konflikts erreicht haben – die Phase der Erschöpfung, die weder zu Frieden noch zur Fortsetzung des Krieges führt –, besteht die Möglichkeit, dass neue Akteure und Stimmen auftauchen, die das Zünglein an der Waage zugunsten der einen oder anderen Seite sein könnten. Diese dritten Parteien müssen nicht unbedingt externe, sondern können auch interne Kräfte sein.

Die vielleicht heimtückischste Art von Schaden, den ein Gegner anrichten kann, ist der Schaden, den er sich selbst zufügt – also sich selbst ins eigene Bein zu schießen. So hat Israel beispielsweise nach den Ereignissen vom 7. Oktober die Schuld den Nachbarländern zugeschoben, was zu einer Politik der kollektiven Bestrafung der Zivilbevölkerung im Gazastreifen, zu Aggressionen, Einmarsch und Angriffen auf Nachbarländer wie den Libanon, Syrien und später auch den Jemen führte. Dieser Ansatz führte zu einem erheblichen Verlust an öffentlicher Unterstützung und trug dazu bei, die palästinensische Sache wirksamer voranzubringen, als es die Palästinenser selbst hätten tun können. Ähnlich verhält es sich im Falle Irans: Wenn die Ideologie der Rache gegenüber pragmatischen Erwägungen zum Schutz nationaler Interessen und zur Erreichung künftiger Stabilität überwiegt, kann selbst eine legitime und gerechte Sache kompromittiert werden. Obwohl es wichtig ist, die grundlegenden Unterschiede zwischen Israel und Iran zu verstehen, basiert dieser Vergleich ausschließlich auf den Prinzipien der Aktion-Reaktion-Analyse.

Die dritte Phase des Konflikts mit Iran könnte, sollte es nicht zu einer raschen Verhandlungslösung kommen, zu einer Katastrophe und unangenehmen Folgen für die gesamte Region führen. Eine solche Konfrontation wird mit ziemlicher Sicherheit dazu führen, dass eine der Seiten ihre Ziele erreicht, deren wahre Natur und Ausmaß nur denen bekannt sind, die die Macht haben, sie zu verwirklichen.

Selbst wenn Iran eine militärische Konfrontation vermeiden und stattdessen mit einem umfassenden Embargo und internationaler Isolation konfrontiert würde, würde dies weder den Interessen des iranischen Volkes noch denen der politischen Führung Irans dienen. Wirtschaftssanktionen und Embargos würden unweigerlich zu einer weiteren Eskalation führen – also zu einem Ergebnis, das sich weder Iran noch die Region des Nahen Ostens leisten kann, wenn man die bereits bestehenden Krisen und Konflikte berücksichtigt.

Es stellt sich die grundlegende Frage: Wer profitiert tatsächlich davon, wenn Iran zu einem zerfallenden, fragmentierten oder isolierten Paria-Staat wird? Manche mögen behaupten, dass ein solches Szenario den Interessen Israels entspricht, aber ich sehe das nicht so. Die Islamische Revolutionsgarde (IRGC), die Basidsch-Milizen und bewaffnete Gruppierungen innerhalb Irans sowie im Irak, im Libanon und im Jemen könnten ungestraft in der Region agieren und die durchlässigen Grenzen ausnutzen, um Krisen zu exportieren und die Nachbarländer einschließlich Israels selbst zu destabilisieren.

Der einzige gangbare Weg nach vorn ist der Dialog: Verhandlungen, Vereinbarungen, Zusicherungen und Garantien für die Nachbarstaaten und die Länder am Persischen Golf. Nur dieser Weg führt zu einer möglichen Einigung mit den USA. In einer Zeit wachsender Abhängigkeit von der digitalen Transformation gehört die Zukunft denjenigen Regierungen, welche künstliche Intelligenz und technologische Innovationen nutzen. Zeit ist von entscheidender Bedeutung. Die Länder müssen sich anpassen und voranschreiten (auch wenn dies schwierige, aber vorübergehende Entscheidungen erfordert), um den Rückstand gegenüber der weltweiten Entwicklung und dem Fortschritt aufzuholen. Wenn man nationalen Interessen keinen Vorrang einräumt und an vergangenen Kränkungen festhält, werden die Risiken von Instabilität bis hin zum Zusammenbruch rasant zunehmen.

Anmerkung des Übersetzers:

* Die Thukydides-Falle ist ein Begriff, der von dem US-amerikanischen Politikwissenschaftler Graham Allison geprägt wurde, um eine offensichtliche Tendenz zum Krieg zu beschreiben, bei der eine neue, an Stärke gewinnende Macht droht, eine bestehende Großmacht als internationale Hegemonialmacht zu verdrängen. Er wurde geprägt und wird hauptsächlich verwendet zur Beschreibung eines potenziellen Konflikts zwischen den USA und der VR China.

Der Begriff basiert auf einem Zitat des antiken athenischen Historikers und Feldherrn Thukydides, der behauptete, der Peloponnesische Krieg zwischen Athen und Sparta sei aufgrund der Angst Spartas vor der wachsenden Macht Athens unvermeidlich gewesen.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 8. Juni 2026 zuerst auf der Homepage von "Russia in Global Affairs" erschienen.

Lisa Issak ist Doktorin der Politikwissenschaften und Expertin für internationale Beziehungen an der Staatlichen Universität Adygeja (Maikop).

Mehr zum Thema - Erstmals seit Vietnam: US-Pilot zweimal binnen eines Monats abgeschossen

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.