Meinung

"Rache am Russen für Pogrome": Absurde Wurzel israelischer Ukraine-Politik

Warum unterstützt Israel die heutige Ukraine, die Judenmörder und Kollaborateure Hitlers verehrt? Diese Frage stellte Tucker Carlson vor einigen Tagen seinem Gesprächspartner. Dessen Antwort kommt einem schräg vor, wenn man nicht selbst jüdischer Verachtung für das russische Volk begegnet ist.
"Rache am Russen für Pogrome": Absurde Wurzel israelischer Ukraine-Politik© Urheberrechtlich geschützt

Von Anton Gentzen

Tucker Carlson interviewte jüngst Brandon J. Weichert, einen Substack-Autor und "Experten für die nationale Sicherheit". Hauptsächlich ging es um den Irankrieg und die steigenden Kraftstoffpreise, doch mich berührte eine nur indirekt damit zusammenhängende Frage, die Carlson stellte, – und die Antwort seines Gastes.

"Es ist mysteriös: Warum unterstützt Israel die Ukraine so offensiv?", fragt Carlson (Timecode 1:21:40). Putin habe 25 Jahre alles für ein gutes Verhältnis zu Israel getan, bemühte sich um gute Verbindungen zu den Regierungen in Tel Aviv und Westjerusalem, einschließlich derjenigen unter Benjamin Netanjahu, und Netanjahu treibe den Ukraine-Krieg voran. Warum?

Weichert präsentierte im Wesentlichen drei Erklärungen, die erste und die dritte sind nichts anderes als zynische Realpolitik. Aber die zweite ist tiefenpsychologisch und berührt weit über den aktuellen Konflikt hinaus Schicksale von Völkern – und ist gerade darum verstörend:

"Ich denke, da gibt es historische Befindlichkeiten. Sie wissen, es gab Pogrome gegen Juden in Russland, die gesamte Zeit der Zarenherrschaft über. Und ich denke, dass einige Hardliner in Israel Russland als eine Art Gefahr ansehen. Als etwas, gegen das man Rache üben muss. Und ich denke, dass man die Unterstützung der Ukraine in diesem geschichtlich-kulturellen Kontext sehen muss nach dem Motto 'Hey, wir wollen es diesem russischen Staat heimzahlen, was die unseren Großeltern und Urgroßeltern angetan haben'. Und die Pogrome waren schrecklich. Ich denke, das ist Teil der Erklärung. Das bringt uns zum Ansiedlungsrayon, welcher die Umsiedlung der Juden aus der Krim und Teilen der Ukraine beinhaltete. Zufällig gibt es einige Leute, wie Victoria Nuland und die Kagan-Familie, die offenbar Verwandte hatten, ich denke auch, Tony Blinken zählt dazu, die Verwandte hatten, die über die Jahrhunderte davon betroffen waren."

Man könnte dies als eine Hetztirade eines schlecht informierten US-Amerikaners, als einen antisemitischen Zungenschlag gar abtun, wäre mir selbst in Diskussionen mit in Deutschland und in Israel lebenden Juden nicht die geschilderte, tief verankerte Verachtung für das russische Volk begegnet. Es sei dazu erwähnt, dass ich mich in der Nahost-Problematik wenig auskenne und dazu tendiere, dass es Deutschen nicht zusteht, in Konflikten dieser Welt für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen. Ich diskutiere darum nie über Israel selbst oder die Problematik der Palästinenser. Diskussionen führte ich nur zum Thema der verheerenden Rolle Deutschlands in der Ukraine. Entsprechend sind mir dabei auch nur solche jüdischen Kontrahenten begegnet, die – gewöhnlich emotional – Partei für das Kiewer Maidan-Regime ergriffen.

Ob meine Debattenerfahrungen irgendwie repräsentativ für die Mehrheitsmeinung in Israel oder unter Juden in Deutschland sind, weiß ich nicht und denke, dass sich hier wie dort die Mehrheit für die Ukraine schlichtweg nicht interessiert. Darüber hinaus gibt es Tausende Israelis, die die Erinnerung an den sowjetischen Sieg über den Hitlerfaschismus in Ehren halten – der 9. Mai ("Tag des Sieges über den Nazi-Spuk") wird von vielen Bürgern mit Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion im privaten oder kulturellen Rahmen beachtet. Und dennoch kommen, wenn einmal aggressiv-emotional Partei für die Ukraine ergriffen wird, oft und schnell genau diejenigen Betroffenheiten und Animositäten gegenüber dem russischen Volk zum Vorschein, die Weichert schilderte.

Diese Animositäten sind auf so vielen Ebenen falsch und ahistorisch, dass man sich wirklich wundern muss, dass es unter Juden überhaupt jemanden gibt, der sie pflegt und sich von ihnen zur Unterstützung gerade der Postmaidan-Ukraine verleiten lässt.

Es fängt schon damit an, dass die Pogrome recht wenig mit dem russischen Volk zu tun haben. Mit dem damaligen Zarenreich, gewiss, doch in diesem war das einfache russische Volk, seine an 95 Prozent kratzende Mehrheit, selbst der Unterdrückte und nicht Herr im Hause.

Schaut man sich die Orte an, an denen sich antijüdische Pogrome ereigneten, so wird man schnell feststellen, dass die Teile des Zarenreiches betroffen waren, in denen zur damaligen Zeit so gut wie keine Russen – im heutigen Verständnis des Wortes – lebten. Fast alle liegen im heutigen Polen, in der heutigen Ukraine, in Weißrussland, Moldawien und Litauen. Die erste Stadt, die in diesem Sinn von sich reden machte, war 1821 Odessa. Dort wiederholten sich Pogrome 1849, 1859, 1871 und wieder 1881. Ebenfalls 1881 war das damalige Jelisawetgrad Tatort, das zu Sowjetzeiten Kirowograd hieß und vom Maidanregime in Kropiwnizkij umbenannt wurde, eine damals wie heute mehrheitlich von Ukrainern bewohnte Stadt.

Besonders zahlreich waren die antijüdischen Ausschreitungen zwischen 1903 und 1906. Lesen wir die Aufzählung der Schreckensorte dieser Phase, um dem Verdacht der russischen Propaganda zu entgehen, bei Wikipedia: "In weit über 600 Pogromen starben mehr als 3.100 Juden, über 15.000 wurden verletzt, größtenteils im Oktober 1905. Dabei wurden allein in Odessa 800 Juden ermordet und 5.000 verwundet, weitere fanden statt in Jekaterinoslaw (Dnipro), Kiew, Chișinău, Simferopol, Romny, Krementschuk, Nikolajew (Mykolajiw), Tschernihiw, Kamjanez-Podilskyj und Jelisawetgrad (Kirowohrad)."

Merken Sie etwas? Mit der bemerkenswerten Ausnahme von Simferopol (Deportation von der Krim, wann bitte?) alles Städte, die nicht auf dem Gebiet Russlands nach jetzigem Stand liegen. Mit der weiteren Ausnahme der moldawischen Hauptstadt alles ukrainische Städte. In einigen Fällen – beispielsweise im April 1905 im seit 2022 wieder russischen Melitopol – schlossen sich russische und jüdische Jugendliche gar zu Selbstverteidigungskräften zusammen, um die Plünderer abzuwehren. Womit haben sie den Hass verdient?

Sicher liegt es auch daran, dass die jüdische Bevölkerung des Zarenreiches mehrheitlich in diesen Teilen siedelte, doch ist es nicht schräg, Rache an dem Volk üben zu wollen, das, aus welchem Grund auch immer, am wenigsten in die Pogrome involviert war, und sich dabei auf die Seite der Nachfahren jener zu schlagen, die sich in ihnen besonders hervorgetan haben?

Doch es wird noch schräger und absurder um diese Wurzel jüdischer Russophobie: Die dritte große Welle antijüdischer Ausschreitungen mit schätzungsweise 60.000 Toten fiel auf den Bürgerkrieg 1918–1921. Das Phänomen gab es ausschließlich in der Ukraine und verübt haben es … nein, nicht die in Sankt Petersburg und Moskau regierenden Bolschewiki (unnötig zu erwähnen, dass viele prominente Bolschewiki Juden waren – von Lew Trotzki bis zum Erbauer der Moskauer Metro Lasar Kaganowitsch, einem überzeugten Stalinisten); sondern ihre Gegner: ukrainische Nationalisten und allerlei örtliche Banden diverser Schattierungen ("Grüne Partisanen"). Die Pogrome endeten, als die Roten in der Ukraine siegten, und kamen erst mit dem Überfall durch Hitlerdeutschland im Juni 1941 zurück. Muss ich erwähnen, wer noch vor dem Einmarsch der Wehrmacht das Pogrom in Lwow veranstaltete?

Es ist wie immer, es ist wie mit Gutem und Schlechtem in der Sowjetunion: Alles Schlechte wird exklusiv den Russen als dem größten Volk des einstigen Reiches zugeschrieben, das Gute reklamieren die kleineren Völker für sich als "Gemeinsames", beides wie immer faktenfrei.

Die berühmteste erhaltene Schallplatte mit der Stimme Wladimir Lenins ist übrigens ein leidenschaftliches Plädoyer gegen den Antisemitismus. Die Ukraine hat 2014 alle Denkmäler für ihren Staatsgründer abgerissen, in Russland – auch nichts anderes als die umbenannte RSFSR Lenins – sind sie an ihrem Platz.

Nicht allein die angestrebte Rache am modernen Russland für die Pogrome, die vor über 100 Jahren liefen, ist somit absurd. Geradezu eine posthume Schändung der Opfer ist es, sich zum Zwecke dieser "Rache" auch noch auf die Seite des Regimes zu stellen, das die Täter von 1918 bis 1920 und von 1941 bis 1945 zu ukrainischen Nationalhelden erklärt hat!

Und da sind wir bei einem weiteren Abgrund der "Rache für Pogrome", der – sollte er geduldet werden und Schule machen – jede künftige Solidarität (diese "Zärtlichkeit der Völker") nachhaltig gefährdet. Vielleicht denken Victoria Nuland, das Ehepaar der Kagans und Tony Blinken tatsächlich, Obamas Großvater habe Auschwitz befreit. Alle anderen sollten besser wissen, wer es war. Es war die Rote Armee, meine Damen und Herren! Das russische Volk bezahlte damals den höchsten Preis für die Neutralisierung von Hitlers Völkermördern, bevor sie die beschlossene Auslöschung der Juden vollziehen konnten. Ukrainische Nationalisten, die Helden der Maidan-Ukraine, schossen sowjetischen Soldaten in den Rücken, als letztere erst auf dem Weg zur Befreiung von Auschwitz waren.

Ich hatte die nackten Zahlen der Opfer des Zweiten Weltkrieges unter den sowjetischen Völkern am 26. Januar 2024 niedergeschrieben:

"Der absoluten Zahl der Getöteten nach in dieser Reihenfolge: Russen (6,9 Millionen ermordete Zivilisten und 5,8 Millionen gefallene Soldaten), Ukrainer (6,5 Millionen Zivilisten und 1,4 Millionen gefallene Soldaten), sowjetische Juden (2,7 Millionen ermordete Zivilisten und 142.000 gefallene Soldaten) und Weißrussen (1,1 Millionen ermordete Zivilisten und 252.000 gefallene Soldaten)."

Der ethnisch russische Soldat hatte das meiste Blut vergossen und die größte Last getragen. Damit es auch in Israel nachvollzogen wird: 5,8 Millionen gefallene russische Soldaten entsprechen fast 80 Prozent der heute in Israel lebenden Juden und fast 60 Prozent der israelischen Gesamtbevölkerung.

Nein, die gigantischen Opfer wurden nicht allein für die Befreiung von Auschwitz erbracht, es ging auch um die Existenz des russischen Volkes selbst. Aber eben auch für das Überleben der europäischen Juden. Auch das war damals Bestandteil der sowjetischen Kriegspropaganda und folglich der soldatischen Motivation. Die Wut auf den Satanismus des Vergasens von Menschen loderte dem russischen Soldaten genauso in den Adern wie diejenige über die bei lebendigem Leibe verbrannten Frauen und Kinder in russischen und weißrussischen Dörfern.

Wenn es überhaupt eine russische Schuld vor den Juden Russlands gab, ist sie mit diesem Opfer nicht getilgt? Nicht einmal gemildert, sodass man sich für seine Rachegelüste mit den geistigen Nachfahren der Aufseher von Auschwitz verbündet?

In diesem Fall muss man sich wirklich nicht wundern, dass heute – vorerst leise und eher zweifelnde – Stimmen laut werden, die angesichts der Entweihung und der Zerstörung sowjetischer Soldatenfriedhöfe im mit russischem Blut vor Genozid und Auslöschung geretteten Polen (welch schwarze Undankbarkeit, auch!) fragen, ob man beim nächsten Mal in ähnlicher Lage nicht besser an seinen Grenzen Halt macht und die so schnell wie schon in der Enkelgeneration Geschichtsvergessenen ihrem Schicksal überlässt. 

Bitte nicht falsch verstehen: Noch nie habe ich gehört, dass ein Russe von Juden oder Polen Dankbarkeit eingefordert hat. Das liegt nicht im russischen Nationalcharakter. Aber von den Nachfahren der Geretteten wenigstens nicht gehasst und nicht erdolcht zu werden aus Rache für noch ältere Taten anderer, ist das zu viel verlangt?

Mehr zum Thema – Das tragische Schicksal des russischen Volkes. Teil 1; Teil 2

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.